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Erfahrungsbericht einer Angehörigen
(Name ist den Gestaltern der Homepage bekannt)

Mein ältester Sohn P. erkrankte mit 23 Jahren an Schizophrenie. Ich wollte und konnte anfangs nicht glauben, dass es sich wirklich um eine Krankheit handelt. Die Psychiaterin teilte uns mit, dass mein Sohn schwer krank sei. Ich fühlte mich sofort schuldig und fragte mich, was ich als Mutter falsch gemacht habe. Die Ärztin wies mir keine Schuld zu, wofür ich ihr heute noch sehr dankbar bin. Es war aber ein Versäumnis von ihr, uns nicht darauf hinzuweisen, dass eine psychische Erkrankung große Schwierigkeiten in der Familie mit sich bringen kann und dass auch wir Angehörige Hilfe brauchen. Die Informationen der Ärztin beschränkten sich auf die Information: P. leidet unter einer psychischen Krankheit, die durch eine Stoffwechselstörung hervorgerufen ist. Deshalb muss er Medikamente nehmen.

P. wollte aber keine Medikamente nehmen. Er begann, eine unnatürliche, intensive Nähe zu mir zu suchen, und mit mir seine Konflikte der letzten Jahre zu erörtern. Er richtete schwere verbale Attacken gegen mich. Ich fühlte mich wertlos, schämte mich entsetzlich und begann mich zu isolieren. Ich fühlte mich als Versagerin und hatte das Gefühl, die letzten 23 Jahre umsonst gelebt zu haben.

P. exmatrikulierte an der Universität und suchte eine Wohnung in einer anderen Stadt, um sein Elternhaus verlassen zu können. Er landete dann schwer psychotisch bei Verwandten, die ihn bewegen konnten, sich freiwillig an einer psychiatrischen Station aufnehmen zu lassen. Durch die Behandlung auf der Station erholte er sich schnell. Er kam wieder nach Hause, nahm keine Medikamente mehr, und in kürzester Zeit war das Zusammenleben mit ihm wieder eine Qual. Mein Mann fürchtete, dem beruflichen Stress nicht mehr gewachsen zu sein, unser jüngerer Sohn arbeitete Tag und Nacht, um möglichst schnell das Elternhaus verlassen zu können. Die gesamte Familie war destabilisiert. Wir kauften für P. eine Wohnung, er zog aus und musste ziemlich bald wieder an einer psychiatrischen Station aufgenommen werden.

Mittlerweile erfuhr ich von der HPE: Dort begegneten mir Menschen mit ähnlichen Problemen – für mich, die sich als Außenseiterin empfand, eine große Entlastung. Ich wurde als gesamte Person verstanden und angenommen. Durch die Auseinandersetzung mit meiner Problemlage erkannte ich, wie sehr ich traditionellem Denken verhaftet war. In meinem Kopf existierte der simple Satz: „Hinter jedem wohlgeratenen Kind steht eine gute Mutter.“ Ich musste mir selbst einige unangenehme Fragen stellen: „Müssen meine Kinder Leistungen erbringen, damit es auch mir gut geht? Kann es überhaupt minderwertige, unanständige Krankheiten geben? Ist es wirklich meine Schuld, dass mein Sohn erkrankt ist?“
 
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