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Erfahrungsbericht eines von der Krankheit Betroffenen 1 Drucken
Wie ich meine Krankheit erlebt habe und wie sie verlaufen ist

Auch wenn ich mich heute recht gut in seelischen Ausnahmezuständen auskenne, so kam die psychische Veränderung mit 17 Jahren überraschend. Zuerst bekam ich Depressionen, die von der Familie nicht als solche bemerkt wurden, in ihren Augen war es ganz einfach nur Faulheit.

Mit 18 Jahren war ich an verschiedenen Arbeitsplätzen tätig. In Belastungssituationen reagierte ich sofort mit Schlafstörungen. Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich, abgesehen von dem Gefühl mit der Berufswelt nicht zurechtzukommen, normal, ging in Discos und fuhr auf Urlaub. Heute sehe ich es so, dass die Depressionen und Schlafstörungen die eigentlichen Vorboten einer weit schwereren Erkrankung waren – der Psychose. Als sie ausbrach, dauerte es Jahre, bis ich erkannte, dass ich nicht verwirrt oder besessen war, sondern psychisch erkrankt.

Die Psychose fiel fast niemand auf, da ich aufgrund der völligen Verängstigung besonders angepasst, ja sogar brav war (Krawatte, Aktenkoffer, leichter Waschzwang).

Entgegen der Fassade wurde mein Leiden von Jahr zu Jahr unerträglicher. Panikartige Angstzustände waren verbunden mit Unruhe und Schuldgefühlen, die mir die Aufrechterhaltung sozialer Kontakte erschwerten. So stark war die innere Verunsicherung, dass ich manchmal am Würstelstand eine Stunde bis zur Entscheidung, welche Wurst ich nehmen soll, brauchte. Innere Ruhe fand ich in diesen Jahren nie. Ich schlief in Panik ein und wachte in Panik auf, falls ich überhaupt schlief. Zwanghaft analysierte ich die belanglosesten Alltäglichkeiten, manchmal ins Philosophische, hie und da ins Religiöse. Durch den seelischen Ausnahmezustand habe ich meine Natürlichkeit und Lebensfreude verloren.

Erst nach einiger Zeit kam mir langsam die Idee, in die Psychiatrie zu gehen, und schließlich wagte ich mich hinein. Ich wurde dort rasch aufgenommen (die stationäre Zeit ist recht kurz). Nach 3 Jahren ging es mir mit Hilfe ambulanter Nachbetreuung deutlich besser. Leider führen Psychiatrieaufenthalte und psychiatrische Behandlungen weiterhin zu Diskriminierung und Stigmatisierung. Meine Freundschaften mit Psychiatern und Mitpatienten sind mir jedoch sehr wichtig und ich beschäftige mich mit Kunstprojekten und der Verbesserung der Selbsthilfe. Trotz Verbesserung der Medikamente und einem etwas erleichterten Zugang zur Psychotherapie – meiner Ansicht nach jedoch weiterhin zu wenig - liegt es doch hauptsächlich bei einem selbst, aus der Vergangenheit zu lernen und die richtigen Schritte zur Genesung zu setzen.
 
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