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Soziotherapie

Was ist Soziotherapie?

Während Psychotherapie und Medikamente auf die einzelne Person ausgerichtet sind, existieren auch Therapieverfahren, die auf die Umgebung des Kranken ausgerichtet sind. Diese Verfahren werden Soziotherapie genannt (früher auch als Milieu-Therapie bezeichnet).

Menschliches Verhalten ist auch bei psychischer Krankheit von Faktoren des sozialen Umfedes (z.B. Familie, Freundeskreis) abhängig. Soziotherapie umfasst daher all jene Interventionen, die sich der Gestaltung der sozialen, zeitlichen und räumlichen Umgebung bedienen. Im Prinzip geht es um die Beeinflussung einer psychischen Krankheit und deren Verlauf durch all jene Faktoren, die zusammengefasst die Um- und Mitwelt ausmachen.

Soziotherapie kann für alle Personen, die an Schizophrenie erkrankt sind, hilfreich sein. Besonders wichtig ist sie vor allem für jene Personen, die langfristig von der Erkrankung betroffen sind (durch einen chronischen Verlauf oder häufige Rückfälle).

Soziotherapie soll die Bedingungen dafür schaffen, dass die Kranken jene Fähigkeiten und Fertigkeiten verbessern oder sich aneignen können, die nötig sind, um möglichst selbständig und in guter sozialer Integration das Leben selbst gestalten zu können.



Soziotherapie: besondere Aspekte bei Schizophrenie

Unterforderung und Überforderung vermeiden
Negativsymptome oder Minussymptome (d.h. verminderte Energie, Motivationsmangel, Interesselosigkeit – siehe auch Link) führen immer wieder dazu, dass an Schizophrenie Erkrankte sich zurückziehen und inaktiv sind. Inaktivität führt oft dazu, dass sich die Negativsymptome weiter verschlechtern. Aktivität kann dazu beitragen, dass sich die Negativsymptomatik verringert. Wenn aber zu viele Aktivitäten gesetzt werden, kann das zu Stress und im Weiteren dazu führen, dass neuerlich Positivsymptome (z.B. Wahn, Halluzinationen – siehe auch Link) auftreten.

Zu wenige Aktivitäten führen also zu einer Unterforderung und verschlechtern in der Folge die Negativsymptome. Zu viele Aktivitäten können aber zu einer Überforderung führen, die einen Rückfall mit Positivsymptomen auslösen. Aktivierung muss also langsam und schrittweise geschehen, um sowohl Unter- als auch Überforderung zu vermeiden. Wenn Schizophrenie-Kranke nun schrittweise Aktivität einüben („Aktivierung“), kann dies zu einer Verbesserung der Negativsymptomatik beitragen, ohne dass neuerlich Positivsymptome auftreten. Das schrittweise Einüben einer zeitlichen Struktur des Tagesablaufes („Tagesstrukturierung“) ist eine Methode, um die Negativsymptome in den Griff zu bekommen.

Sowohl „Aktivierung“ als auch „Tagesstrukturierung“ werden in vielen therapeutischen Einrichtungen angeboten. Oft gelingt es den Kranken dann auch ohne Hilfe oder nur mit wenig Unterstützung eine ausreichende Aktivität und Tagesstruktur (z.B. im Beruf oder Studium) fortzuführen.


Isolation vermeiden
Negativsymptome“ (z.B. Rückzug wegen verminderter Energie) und „Positivsymptome“ (z.B. Angst aufgrund von Halluzinationen) können dazu führen, dass manche Erkrankte immer mehr den Kontakt zu anderen Menschen verlieren. Isolation beeinträchtigt aber nicht nur die Lebensqualität, sondern kann auch zu einer Verschlechterung von „Negativsymptomen“ oder „Positivsymptomen“ führen. Wenn es gelingt, schrittweise wieder Kontakt zu anderen Menschen herzustellen („Kontaktstiftung“), hilft das der Isolation entgegenzuwirken.



Kommunikationsstil anpassen

Personen, die unter Schizophrenie leiden, sind überempfindlich gegen Stress, wobei individuell verschieden ist, was Stress auslöst. Wenn andere Menschen den Kranken unter Druck setzen oder emotional sehr engagiert sind, kann das für Schizophrenie-Kranke Stress bedeuten.

Der Kommunikationsstil der Familie und anderer nahestehender Menschen kann also für den Kranken förderlich oder aber auch belastend sein. Ein emotional sehr engagierter Kommunikationsstil ist nicht die Ursache für die Erkrankung, kann aber den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen. So wie ein Zuckerkranker seine Ernährung an die Krankheit anpassen muss, müssen nahestehende Menschen des Kranken lernen, ihren Kommunikationsstil an die Bedürfnisse des Kranken anzupassen (z.B. in Angehörigenrunden). Dies kann auch dazu beitragen, die Zahl der Krankheitsrückfälle zu verringern.

(Wichtig: Der Kommunikationsstil der Familie ist nicht die Ursache für Schizophrenie!)



Ausgewählte Techniken und Arbeitsweisen der Soziotherapie
o  Gemeinsame Aktivitäten in der Gruppe: Durch gemeinsame Aktivitäten mehrerer Kranker gelingt es oft leichter, soziale Kontakte, eine Tagesstruktur oder Aktivitäten einzuüben.
o Ergotherapie: Das Arbeiten mit Materialen wie Stoff, Holz, Papier, Ton oder Farben kann zur Aktivierung und Strukturierung der Zeit verwendet werden. Bei gemeinsamen Arbeiten mit anderen werden außerdem kommunikative Fertigkeiten eingeübt. Für manche Kranke ist das Herstellen eines Werkstückes ein Training von Konzentration und Ausdauer und somit der erste Schritt zu einer beruflichen Wiedereingliederung.
o Physiotherapie: Physiotherapie kann neben anderen Aufgaben auch der Aktivierung dienen. Bei gemeinsamen Übungen mit anderen werden auch kommunikative Fähigkeiten trainiert. In therapeutischen Institutionen sind sie auch ein wichtiges Mittel zur Entwicklung einer Tagesstruktur.
o Case Management ist für jene Kranken wichtig, die wegen einer schweren Erkrankung einer langdauernden Behandlung und Betreuung bedürfen. Der Case Manager ist der verantwortliche Mitarbeiter, der die Hauptverantwortung für die Betreuung des Kranken trägt. Diese Person ist ein konstanter Ansprechpartner des Kranken, der für all seine Bedürfnisse und Nöte zuständig ist. Gerade in diesem Bereich ist eine Kontinuität der Betreuung von größter Wichtigkeit. Auch die Koordination von anderen therapeutischen Maßnahmen gehört zu den Aufgaben des Case Managers.
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Von Experten geleitete Angehörigenrunden: Familienmitglieder haben oft viele Fragen bezüglich der Krankheit und ihrer Behandlung. Oft machen sie sich auch Sorgen über die Zukunft des Kranken. Die Information über das Krankheitsbild und dessen Behandlung stellt daher eine wichtige Grundlage dar. Das Erlernen eines Kommunikationsstils, der die krankheitsbedingten Bedürfnisse des Kranken berücksichtigt, ist ein wichtiges Ziel. Außerdem dienen Angehörigenrunden dazu, die Fragen und Sorgen der Angehörigen zu besprechen (siehe Psychotherapie).
 
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